Kurztext zur Emder Synode von 1571 und ihre Bezugspunkte zur Gegenwart

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ORT                      
Die Emder Synode fand vom 4. bis 13. Oktober 1571 in Emden im Zeughaus statt, später Alte Stadthalle genannt (errichtet 1569, zerstört im 2. WK). Das Erdgeschoss diente damals der seit 1555 bestehenden niederländischen Flüchtlingsgemeinde französischer Sprache als Predigtstätte.

TEILNEHMER
Eingeladen waren Gemeinden aus dem damaligen Gebiet der Niederlande, die unter der Repression der spanisch-habsburgischen Herrschaft in sichere Gebiete geflüchtet waren (Pfalz, Niederrhein, England, Ostfriesland) oder die im Land zu überleben versuchten („Gemeinden unter dem Kreuz“). Die Einladung erfolgte von Heidelberg aus. 

INTENTION
Zusammenhalt, Vernetzung, Einheit im Bekenntnis, gemeinsame Ordnung und Kirchenstruktur von theologisch und politisch unterschiedlich ausgerichteten Gemeinden, die in verschiedenen Herrschaftsgebieten lebten.

Wollen hier nicht selbstherrlich auftreten und Vorschriften machen. … Wir wollen lediglich einen Weg aufzeigen, auf dem mit vereinten Herzen und Sinnen eine heilsame Ordnung unter uns aufgerichtet werden kann. Lasst uns einmal sehr ernsthaft die Veranstaltung gemeinsamer Synoden erwägen! Auf diesen kann über die vielfältigen Aufgaben, die dem Gemeindeaufbau dienen, gründlich und gemeinsam beraten, nachgedacht und verhandelt werden.“ (Aus dem Einladungsschreiben vom 30. Juni 1571 aus Heidelberg)

BESCHLÜSSE
Die Zusammenkunft verabschiedete ein dreiteiliges, lateinisch verfasstes Beschlussdokument (Generalia, Partikularia, dreiteilige Synodalordnung), das von 24 Pastoren und 5 Ältesten unterzeichnet wurde. Der erste Artikel lautet:

„Keine Gemeinde soll über andere Gemeinden, kein Pastor über andere Pastoren, kein Ältester über andere Älteste, kein Diakon über andere Diakone Vorrang oder Herrschaft beanspruchen. Sie sollen lieber dem geringsten Verdacht und jeder Gelegenheit dazu aus dem Weg gehen.“

WIRKUNG
Die Beschlüsse der Emder Synode prägten Struktur und Ordnung der werdenden reformierten Kirche in den Niederlanden. Sie beeinflussten aber auch Kirchenordnungen in solchen Gebieten, in denen es engen Kontakt zwischen Flüchtlingsgemeinden und ortsansässigen Gemeinden gab, wie z.B. am Niederrhein (Wesel, Goch, Jülich). Auch die Verfassung der heutigen Evangelisch-reformierten Kirche enthält einige der Emder Grundsätze (s. § 4 KV). Reformierte Kirchen in Übersee sind von den Grundsätzen und der synodalen Ordnung der Emder Synode ebenfalls beeinflusst worden.  Eine Wirkung über die Kirche hinaus lässt sich in der Anwendung des Subsidiaritätsprinzips erkennen, das erst viel später (in der katholischen Soziallehre am Beginn des 20. Jahrhunderts) diesen Namen bekam.

„Wenn in einer Gemeinde der Classis etwas geschieht, was durch ihr Konsistorium nicht beigelegt werden kann, wird das auf der Versammlung der Classis behandelt und entschieden.“  (aus Art. 3 der Versammlungen der Classes); „… damit die Abgeordneten der Classis etwas präsentieren können, was schon vorher beraten und von allen Gemeinden der Classis besprochen wurde.“ (aus Art. 12 der Provinzsynoden); „Anfragen … die auf den Provinzialsynoden nicht entschieden werden konnten oder alle Gemeinden angehen.“ (aus dem Artikel zur Generalsynode)

THEMEN HEUTE 
Das 450zigste Jahr nach der Emder Synode soll nicht allein Anlass für die Betrachtung eines historisch wichtigen Ereignisses und seiner Wirkung sein, sondern ebenso auch für die Wahrnehmung, dass viele der damaligen Themen und Fragen auch heute in Kirche, Staat und Gesellschaft aktuell sind: 

  • Das Einzelne und die Gemeinschaft: ein dynamisches Verhältnis
    Eine individuelle Lebensgestaltung gilt in unserer Gesellschaft als hoher Wert. Wie gestalten wir zugleich die Zusammengehörigkeit der Verschiedenen? 
     
  • Pluralität und Einheit:  eine notwendige Polarität
    Eine Vielfalt an Sichtweisen und Positionen ist das Merkmal einer offenen und demokratischen Gesellschaft. Wie vermeiden wir aggressive Polarisierungen? Was hält uns über Gegensätze hinweg zusammen? 
     
  • Mobilität und Vernetzung: eine Gesellschaft im ökomischen und medialen Wandel
    Für die Teilnehmer der Emder Synode war die Vernetzung der Gemeinden eine Überlebensstrategie in ihrer unfreiwilligen Verstreuung. Welche Antworten finden wir heute in Kirche und Gesellschaft auf die zunehmende Ortsungebundenheit unserer Glieder?
     
  • Die Stadt als Ort ökonomischer und sozialer Gestaltung
    Nicht zufällig wurde die Stadt Emden mit ihrer Offenheit für Glaubensflüchtlinge zum Versammlungsort einer wegweisenden Synode. Welche Bedingungen fördern heute Verantwortlichkeit und Kreativität in der Gestaltung unseres Zusammenlebens in einer zunehmend pluralen Gesellschaft?

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